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Niedrigschwellig und tagesstrukturierend

Tagesaufenthalt Brückentreff

Der Tagesaufenthalt stellt ein niedrigschwelliges und tagesstrukturierendes Kontakt- und Versorgungsangebot für alleinstehende  Frauen und Männer in besonderen sozialen Schwierigkeiten dar. Ausgehend von unseren Leitsätzen ist uns hier besonders wichtig, wohnungslose Menschen nicht zu Objekten versorgender Hilfe zu machen. Unser Ziel ist es die Menschen zu aktivieren, ihre Ressourcen zu fördern  und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Deshalb werden im Tagesaufenthalt einige Leistungen (z.B. Mahlzeitenangebote, Getränke, Wäschewaschen- und Trocknen) gegen einen geringen Kostenbeitrag bereitgestellt. Sie können von den Betroffenen eigenständig genutzt bzw. die erforderlichen Fähigkeiten hierfür erlernt werden.

Der Tagesaufenthalt bietet u.a. folgende Angebote:

- Versorgungsangebote: preiswertes Mahlzeiten- und Getränkeangebot , Waschmaschine und Trockner, Duschen, Küche zur eigenen Nutzung, Internetzugang u.a.
- Aufenthalt: großer Aufenthaltsbereich mit der Möglichkeit zum Reden, Zuhören und Angeboten zur Gestaltung der Freizeit
- Ruhebereich
- Freizeitangebote und Informationsveranstaltungen zu unterschiedlichen Themen z.B. zu rechtlichen Fragestellungen, Bewerbungstraining etc.

Brücke zurück ins Leben

Eine Reportage von Katrin Wrobel im Brückentreff zum Thema "Ehrenamt" im Rahmen ihres Journalistik-Studiums an der TU Dortmund.  Da es eine sehr persönliche Geschichte ist,  hat sie den Namen des Protagonisten geändert.

Ihre Hände zittern, als sie die beiden Münzen auf den Tresen legt und fein säuberlich übereinanderstapelt. Mit kurz geschnittenen, vergilbten Fingernägeln trommelt sie auf das lackierte Holz der Theke. „Krieg ich nen Kaffee?“ Ihre rauchige Stimme rasselt in der Kehle, ihr Atem riecht streng nach Alkohol. Wolfgang Müller nickt ihr nur freundlich zu und gießt dampfenden Kaffee in eine der bunten Tassen, die er ihr anschließend zuschiebt. Bedächtig nimmt die Frau in der verschlissenen Kapuzenjacke die Tasse entgegen, umfasst sie mit beiden Händen, schließt die Augen. So steht sie eine Weile da, der Rücken gekrümmt, das Gesicht faltig, die Haut vom Wetter gegerbt, bis sie es schließlich wagt, ganz vorsichtig, mit geschürzten Lippen am Kaffee zu nippen.
Hier im Brückentreff kommen sie alle zusammen: Wohnungslose und ehemalige Wohnungslose, Alkoholiker und Drogenabhängige. All jene Menschen, die die Probleme ihres Alltags für eine Weile hinter sich lassen möchten. Eigentlich lehnt der Name Brückentreff an den ehemaligen Standort des Tagesaufenthalts für Obdachlose an – bei den Eisenbahnbrücken in der Dortmunder Nordstadt. Doch längst ist daraus mehr geworden. Es sind soziale Brücken, die hier im Vordergrund stehen, Brücken zwischen kalter Straße und warmherzigem Miteinander, zwischen grauer Einsamkeit und bunter Gesellschaft, zwischen Wohnungslosen und solchen, die es mal waren.

Auch der Mann hinter der Theke, Wolfgang Müller, hat vor gar nicht allzu langer Zeit noch in der Obdachlosenunterkunft an der Unionstraße geschlafen. Zusammen mit einigen anderen ehemaligen Wohnungslosen übernimmt er im Brückentreff nun ehrenamtliche Tresendienste, macht den Abwasch, schenkt Kaffee, Tee und Saft ein. Sechs Wochen lang hat der 65-Jährige damals in der Übernachtungsstelle für Wohnungslose verbracht. Eine schmerzliche Erfahrung für ihn, hatte er doch zuvor mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in einem Haus mit Swimming Pool und zwei Autos in Australien gelebt.

Ehrenamt als Eigentherapie

Jeden Tag kommt Müller nun in den Brückentreff. Während er hinter der Theke seine tätowierten Arme ins heiße Spülwasser taucht, um Kaffeereste aus den Tassen zu schrubben, entwickelt sich um ihn herum eine lebhafte Diskussion. Die Zigarettenpreise sind angestiegen, was die drei Männer, die sich rauchend auf den Barhockern um den Tresen versammelt haben, augenscheinlich sehr entzürnt. Auch sie sind Stammgäste im Brückentreff - und das nicht nur, weil es hier günstigen Kaffee, Saft und Mittagessen gibt. „Wir sind mittlerweile wie eine kleine Familie“, erklärt Müller und lächelt. Die sozialen Kontakte hier sind das Wichtigste für ihn. Daher betrachtet er seinen regelmäßigen ehrenamtlichen Thekendienst vor allem als Eigentherapie. „Ich tu mir selbst etwas Gutes und helfe anderen dabei – eine Win-win-Situation“. Zwei Mal pro Woche springt er hier in der Kesselstraße ein.  Sein Ehrenamt helfe ihm dabei, Struktur und Sinn in seinen Alltag zu bringen.
Denn das kann Müller dringend gebrauchen. Sein bisheriges Leben verlief störrisch, ließ sich nicht bändigen, geriet viel zu oft außer Kontrolle. Seine erste Frau kannte er bei der Hochzeit gerade einmal drei Monate, zeugte mit ihr einen Sohn und stellte nach drei weiteren Monaten fest, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Nach der Scheidung kämpfte er sich alleine durchs Leben, nahm jeden Job an, der Geld brachte, arbeitete nebenbei schwarz. Seine immer stärker werdende Depression versuchte er mit Cannabis und Alkohol zu betäuben. Das Trinken kannte er schließlich schon von früher, seinen ersten Vollrausch durchlebte Müller mit 14 Jahren. „Ein Mann, der trinkt Bier – damit bin ich großgeworden. Das hab ich adaptiert, später kam dann der Schnaps dazu“, erzählt der 65-Jährige. Einmal angefangen habe er so lange getrunken, bis ihm das Geld ausging oder die Kneipe schloss.

Auch hier im Brückentreff stellt Alkohol ein Problem dar. Gerade am Anfang des Monats, wenn das Geld ausgezahlt wird, kommen viele Besucher alkoholisiert. Dann kann es lauter werden, die Stimmung droht an diesen Tagen immer mal wieder zu kippen. Nicht selten müssen die Störenfriede schließlich verwiesen werden. Denn obwohl der urige kleine Raum äußerlich nicht von einer gewöhnlichen Kneipe zu unterscheiden ist, herrscht im Innern striktes Alkoholverbot. „Das ist auch gut so“, findet Müller, der sich inzwischen endgültig vom Alkohol distanziert hat.

Die lange Ära seines übermäßigen Alkoholkonsums endete abrupt. Eines Abends machte sich Wolfgang Müller während einer besonders depressiven Phase betrunken auf den Heimweg zu sich in die Wohnung. „Und plötzlich hatte ich dieses Gefühl, das mir sagte: wenn ich jetzt nach Hause gehe, springe ich aus dem Fenster“, sagt Müller leise. Da habe er sich Hilfe geholt und eine Entgiftung begonnen. Während der Langzeittherapie lernte er schließlich auch seine zweite Frau kennen, die damals als Krankenpflegeschülerin in der Einrichtung zu arbeiten begann. Zusammen kauften sie ein Haus, zogen zwei gemeinsame Kinder groß, alles schien geregelt. Bis Müller durch Alkohol am Steuer seinen Job als Kurierfahrer verlor und keine neue Stelle fand. Als seine Frau zu dieser Zeit ein Jobangebot als Krankenschwester in ihrem Traumland Australien erhielt, packte Familie Müller kurzerhand die Koffer und zog ans andere Ende der Welt.

Von der Sonne in den Schatten

Für eine gewisse Zeit lief dort alles perfekt. Sie lebten in gehobenem Standard, Müller absolvierte eine Umschulung zum Verkehrskontrolleur. Doch auch in Australien wurde der damals 62-Jährige die dunklen Gedanken nicht los. Seine Depression verschlimmerte sich zusehends und belastete die Ehe schwer. Im Februar 2013 beschloss Wolfgang Müller schließlich, allein nach Deutschland zurückzukehren. Und landete zunächst auf der Straße.
„Ich bin von 30 Grad in der Sonne in 15 Grad Minus gekommen – und das nicht nur temperaturmäßig“, erklärt Müller mit belegter Stimme. Weil er sich vor den Sanitäranlagen in der Obdachlosenunterkunft so ekelte, begab er sich jeden Morgen in der Frühe zum Rathaus oder zur Städtischen Klinik, um sich dort zu waschen und zu rasieren. Wenigstens gepflegt wollte er aussehen, das Leben in der Obdachlosenübernachtungsstelle hatte stark an seinem Stolz gekratzt. „Ich hätte mir nie vorstellen können, im Obdachlosenheim zu wohnen. Das ist absolut unten. Sogar die, die draußen auf der Straße schlafen, sind ein bisschen weiter oben“, findet Müller. Aber seine zwei großen Taschen samt Handgepäck habe er nun mal nicht mit sich auf der Straße herumschleppen wollen, rechtfertigt er sich. Außerdem sei es Winter gewesen, und kalt.
Der Stolz, den viele Wohnungslose verloren haben, soll hier im Brückentreff wieder aufgebaut werden. Dafür sei die Ausübung von Ehrenamtsarbeit enorm wichtig, erklärt Klaus Kirchhefer, der seit mehr als zwanzig Jahren als Sozialarbeiter im Brückentreff tätig ist. Er organisiert regelmäßige Besprechungen und hat mittlerweile auch einen Dienstplan ausgehangen, in den die ehrenamtlichen Helfer ihre Dienstzeiten eintragen. „Die Ehrenamtlichen sollen Verantwortung übernehmen. Das stärkt das Selbstbewusstsein“, so Kirchhefer. Dass seine Strategie gelingt, zeigen Beispiele wie Wolfgang Müller, der mithilfe der Zentralen Beratungsstelle für Wohnungslose mittlerweile eine eigene Wohnung gefunden und seine Depression im Griff hat. „Es gibt immer wieder Momente, wo man erlebt, dass Leute es geschafft haben. Leute, die früher im Knast waren, Alkoholiker, Drogenabhängige. Das sind die Highlights für mich“, erklärt Kirchhefer.
Doch längst nicht alle Besucher des Brückentreffs befinden sich auf dem richtigen Weg. Manche von ihnen kommen nur zum Essen her und verschwinden anschließend wieder auf die Straße. Anderen sind selbst die 1,50 Euro, die man hier im Brückentreff für ein Mittagessen bezahlt, zu viel. Sie ziehen stattdessen ein paar Blöcke weiter, zur Suppenküche, wo sie täglich kostenlose Mittagsmahlzeiten erhalten.
Doch eine Gratis-Kultur würde gegen die Grundprinzipien des Brückentreffs verstoßen, der sich durch die Stadt, den Landschaftsverband Rhein-Lippe und die Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose finanziert. Denn hier steht die Hilfe zur Selbsthilfe im Vordergrund. Die Gäste sollen lernen, auch mit geringen finanziellen Mitteln auszukommen. Außerdem legen viele von ihnen von sich aus Wert darauf, für ihr Essen zu bezahlen. Es ist eine Sache der Ehre.

Ein außergewöhnliches Vorbild

Draußen ist es mittlerweile kalt und dunkel geworden, der Tag neigt sich dem Ende zu. Doch die große Messingtür am Eingang des Brückentreffs steht noch offen, ihr Lichtkegel erleuchtet einladend die dunkle Seitenstraße. Drinnen ist es warm, die Luft stickig und rauchgeschwängert wie immer. Über den Tischen wabert Zigarettenqualm der Zimmerdecke entgegen, angestrahlt von den großen Hängelampen aus Messing, die den Raum in ein warmes Licht tauchen. Aus dem Radio schallt „Forever young“ von Alphaville, übertönt von freudigen Siegesschreien aus der hinteren Ecke des Raumes. Dort tragen zwei Männer in Jogginghosen eine lebhafte Kicker-Partie aus und feuern sich dabei selbst an. Auf der dunkelgrünen Holzbank neben ihnen kauert ein Mann, der das Spiel mit müden Augen verfolgt. In gekrümmter Haltung sitzt er da, die BVB-Mütze schief auf seinem Kopf. Seine linke Hand umklammert verkrampft eine zerknitterte Lidl-Tüte. Die anderen Gäste haben sich in Zweier- und Dreiergrüppchen an den Tischen verteilt, wechseln ein paar Worte, spielen Skat. Manche schweigen sich nur an.
Auch Wolfgang Müller schweigt manchmal lieber. Über seine Vorgeschichte spricht er nur fetzenweise, denn es dauert lange, bis er Vertrauen fasst. Schon in seiner Kindheit hat er gelernt, anderen grundsätzlich zu misstrauen. Ohne jegliche Bezugsperson wuchs Müller in einem Kinderheim unter der Leitung von Nonnen auf, die er nicht ausstehen konnte. Mit dreizehn Jahren und neun Monaten brach er die Schule ab und begann  eine Bäckerlehre. Kaum erreichte er die Volljährigkeit, begann er kriminell zu werden. Diebstahl, Hehlerei, Verkehrsdelikte, Körperverletzung - Müller schreckte vor nichts zurück. Außer vor Sexualdelikten, wie er betont, denn das ist ihm wichtig. Sieben Jahre lang verbrachte er damals im Gefängnis, wurde zwischendurch entlassen, nur um sich gleich darauf für neue Vergehen wieder einweisen zu lassen.
Doch das alles hat Wolfgang Müller nun hinter sich gelassen. Als er vor 35 Jahren zum letzten Mal das Gefängnisgebäude verließ, war es ein Abschied für immer. Alkohol rührt er seit dreieinhalb Jahren nur noch gelegentlich an. Und auch aus dem Sumpf der Obdachlosigkeit hat Müller sich herausgekämpft. Motiviert hat ihn dabei über all die Jahre hinweg sein großes Vorbild – Donald Duck. „Der fällt auf die Fresse, steht auf, fällt nochmal hin und steht wieder auf“, stellt Müller anerkennend fest. Mittlerweile macht ihm der Gedanke ans Hinfallen jedoch wieder Angst. Zu viel hat er sich inzwischen wiederaufgebaut. „Ich möchte nicht nochmal von vorne anfangen müssen. Das kostet zu viel Kraft und Energie“, seufzt der 65-Jährige erschöpft und stützt den Kopf auf die Arme.

Und genau diese Momente sind es, in denen es für Müller so wichtig ist, sich gebraucht zu fühlen. Teil eines Systems zu sein und eine feste Aufgabe zu haben. Etwas, was ihn antreibt, was ihn morgens aus dem Bett aufstehen lässt und was vor allem die grenzenlose Zeit vertreibt. Hier im Brückentreff ist ein Scherz unter Gleichgesinnten nicht nur ein Scherz, ein kurzes Schulterklopfen nicht nur eine beiläufige Geste. Die alltäglichen Gespräche über Zigarettenpreise sind nicht nur Smalltalk, der Dienstplan nicht nur ein Zettel. Hier im Brückentreff haben all diese kleinen Belanglosigkeiten eine enorme Bedeutung.
Sie bilden die Brücke zurück ins Leben.

Dortmund 2016

Kontakt

Brückentreff - Tagesaufenthalt für wohnungslose Frauen und Männer
Kesselstr 50
44247 Dortmund
Tel. 0231 82 66 83
Fax 0231 84 94 399
bt@diakoniedortmund.de  

Öffnungszeiten des Brückentreffs
DI bis FR 13 - 19 Uhr
SA 15 - 19 Uhr
SO 13 - 19 Uhr